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ANALYSE/Ein Grund zur Sorge: Märkte im Gleichschritt
11.10.16 / 12:53 (0 mal gelesen)

Von Aaron Kuriloff

NEW YORK (Dow Jones)--Zum ersten Mal seit 2010 sind Aktien, Anleihen, Öl und Gold auf dem Weg, das Jahr mit Gewinnen abzuschließen. Diese Entwicklung ist das jüngste Zeichen dafür, dass sich die großen Märkte mehr als üblich im Gleichschritt bewegen.

Die Marktbewegungen sind für Anleger an und für sich natürlich positiv. Bei einigen Investoren steigt jedoch die Sorge, dass das, was gemeinsam gestiegen ist, auch gemeinsam fallen könnte. Investoren haben sich daher in den letzten Wochen auch von einigen der heißesten Handelspositionen zurückgezogen. Betroffen waren vor allem Dividendentitel, Staatsanleihen, das Edelmetall Gold und Fonds mit niedriger Volatilität.

Analysten und Fondsmanager schreiben den Rückzug mehreren Faktoren zu. Zum einen kommt er von Investoren, die Gewinne nach dem großen Anstieg einstreichen. Zum zweiten werden Gewinne mitgenommen, weil die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung in den USA zum Jahresende steigt. Und schließlich verlagern Anleger ihre Investitionen in risikoreichere Sektoren, nachdem zuvor Sektoren gesucht werden, die in unsicheren Zeiten als sichere Häfen angesehen werden.

Kaskade von Verlusten befürchtet

Märkte, die sich in Zeiten hoher Bewertungen im Gleichschritt bewegen, machen einige Anleger nervös: Kippt die Stimmung, wird schnell eine Kaskade von Verlusten ausgelöst. "Das kann man sich wie bei einer Sprungfeder vorstellen", so Vadim Zlotnikov, leitender Marktstratege bei Alliance Bernstein Holding. "Weil die Sicherheitspolster sehr niedrig ist, können schon relativ kleine Nachrichten wesentliche Bewegungen auslösen", so Zlotnikov.

Wer aber hat im bisherigen Jahresverlauf am meisten profitiert? Die diesjährigen Gewinner sind vor allem Vermögenswerte, die am stärksten von dem derzeitigen Niedrigzinsumfeld profitieren.

Versorgeraktien im Ausverkauf

Versorgeraktien im S&P 500 sind im ersten Halbjahr 2016 um 21 Prozent gestiegen. Aber in den letzten elf Sitzungen bis Freitag sind sie kontinuierlich gefallen, was laut Daten von FactSet seit 1990 noch nie vorgekommen ist. Die Aktien von Versorgern stürzten damit im dritten Quartal um 6,7 Prozent ab.

Zweites Beispiel: Die 10jährige Treasury-Anleihe, die im ersten Halbjahr im Preis stieg und bei der Rendite bis auf nur noch 1,492 Prozent fiel, kam in den letzten Tagen in den Ausverkauf. Am Freitag betrug die Rendite schon wieder 1,734 Prozent.

Und ein Beispiel aus dem Fondsbereich: Der börsengehandelte iShares Edge MSCI Minimum Volatility USA Fonds, der normalerweise weniger Kursschwankungen verzeichnet als der breite Markt, legte in den ersten beiden Quartalen um 11 Prozent zu und verlor im dritten Quartal 1,7 Prozent. Gold schließlich verzeichnete am Dienstag seinen größten Tagesverlust seit knapp drei Jahren, nachdem es im ersten Halbjahr 2016 um 25 Prozent zugelegt hatte.

"Wenn bestimmte Wertpapiere zu stark nachgefragt werden, kommt es eigentlich fast immer zu einer kurzen Periode mit heftigen Korrekturen", so R.J. Grant, Direktor für Aktienhandel bei der New Yorker Investmentbank KBW.

Nicht allen Anlegern sind die Veränderungen bewusst geworden. Im US-Aktienmarkt etwa haben die Gewinne der Technologiewerte und Finanzaktien den Ausverkauf in den Versorger- und Telekommunikationsaktien kompensiert. Die Indizes bleiben damit weitgehend stabil.

Zinserhöhung schreckt Dividendentitel

Bei hochrangigen Dividendentiteln wiederum belastete laut JP Morgan die Sorge, dass sich die Zentralbanken von der Politik des leichten Geldes abwenden könnten. Solche Aktien hinkten der breiten Marktentwicklung in den letzten drei Monaten rund 3,6 Prozent hinterher.

Derweil entwickelten sich wachstumsstarke und unterbewertete Aktien, die eigentlich immer in unterschiedliche Richtungen tendieren, erstmals in den letzten 37 Jahren in die gleiche Richtung, wie JP Morgan herausgefunden hat. Auf der Suche nach Rendite vernachlässigten Investoren beide Kategorien seit Jahresbeginn gleichermaßen.

Jetzt endet die pure Renditejagd langsam. In der letzten Woche etwa wurden Versorgeraktien nur noch mit dem rund 21-fachen ihrer letzten 12-Monats-Gewinne gehandelt. Ende Juni stand dieser Bewertungsfaktor laut FactSet noch beim 24-fachen der Gewinne. Im historischen Vergleich bleibt die Bewertung aber immer noch hoch: Im 10-Jahresdurchschnitt liegt die Bewertungsziffer im Energiesektor beim knapp 16-fachen Gewinn. Doch die Zeichen sind unverkennbar. "Die Jungs, die die Dividendenrenditen spielen, nehmen Gewinne mit", so Tom Carter, leitender Direktor bei JonesTrading Institutional Services.

Anleger rechnen mit weiterem Ausverkauf

Die Anleger erwarten zudem, dass die Federal Reserve ihre Zinssätze im Dezember erhöhen wird. Weil steigende Zinsen in der Regel Gift sind für den Aktienmarkt, wetten einige Investoren inzwischen auf einen weiteren Ausverkauf. Denn höhere Zinsen machen Anleihen attraktiver und lassen die Bedeutung von Dividendenzahlungen schwinden. Eine wachsende Wirtschaft -- das Hauptargument hinter den steigenden Zinsen -- stärkt zudem den US-Dollar, was im Gegenzug Gold und Silber trifft.

Hinzu kommt ein süßes Gift. Anleger haben sich an die positive Wirkung des billigen Geldes durch die Zentralbanken gewöhnt. Jetzt fällt es ihnen schwer, davon abzulassen. "Es ist fast, als wenn ein Doktor Dir die Medikamente wegnimmt", so Erik Davidson, der bei Wells Fargo die Investitionen der Kundengelder steuert. "Die Medikamente helfen Dir, aber langfristig musst Du von ihnen loskommen."

Rückkehr zur Normalität könnte schmerzhaft sein

Aber die Rückkehr zur Normalität könnte schmerzhaft sein. Analysten der Bank of America Merrill Lynch haben im letzten Monat davor gewarnt, dass weiterhin die Möglichkeit eines "Anleihen-Schocks" bei niedrigen Renditen und einer langsam ansteigenden Inflation bleibt. Investoren, darunter auch die Anlage-Gurus Bill Gross und Jeffrey Gundlach, warnen schon seit Monaten vor der Möglichkeit eines gleichzeitigen Ausverkaufs von Anleihen und Aktien.

Ein Blick in die Geschichte lässt einige Beobachter erschaudern. Als zum letzten Mal der S&P 500, der aktivste amerikanische Gold-Kontrakt, der kurzfristige amerikanische Rohölkontrakt und der Ryan ALM 10jährige Treasury-Index gleichzeitig das Jahr mit Gewinnen abschlossen, markierte dieser Moment den Anfang der Finanzkrise, die 2007 ihren Höhepunkt erreichte.

Einige Investoren haben den jüngsten Wechsel dagegen begrüßt und gesagt, dass die Bewegung in riskantere Vermögenswerte wie Finanzaktien bedeutet, dass die breite Aktienkursrally weiter laufen kann. "Es ist kaum zu fassen, dass der Aktienmarkt einen großen Kursverlust verzeichnet, während so viele auf den sprichwörtlichen Tick nach unten warten, um zu kaufen", so Eddie Perkin, leitender Aktienmanager bei Eaton Vance.

- Daniel Huang und Chris Dieterich trugen zu diesem Artikel bei.

Kontakt zum Autor: märkte.de@dowjones.com

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October 11, 2016 06:53 ET (10:53 GMT)

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