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Fonds-News
ANALYSE/Investoren wittern im überteuerten Markt Gefahren
06.09.16 / 13:07 (0 mal gelesen)

Von Ira Iosebashvili und Chelsey Dulaney

NEW YORK (Dow Jones)--Vor dem Beginn der Rally, die die Preise von US-Aktien bis Schwellenland-Anlagen gleichermaßen erfasst hat, stand eine Zinserhöhung der US-Notenbank Federal Reserve. Wie es mit der Rally des Jahres 2016 weitergehen wird, hängt davon ab, was in diesem Herbst mit den US-amerikanischen Unternehmensgewinnen und den weltweiten Zinssätzen passiert.

Nur wenige Analysten sorgen sich, dass die Zentralbanken dieser Welt plötzlich den Kurs ändern und ihre marktunterstützende Geldpolitik aufgeben werden. Einige Portfoliomanager warnen jedoch davor, dass die wirtschaftlichen Fundamentaldaten im Großen und Ganzen nicht mit den ungewöhnlich hohen Bewertungen Schritt gehalten haben. Aus ihrer Sicht sind die derzeit am Markt gezahlten Preise daher anfällig für plötzliche Änderungen der Stimmung.

Vermögenspreise erscheinen überhöht

In den ersten Wochen 2016 sind Aktien, Rohstoffpreise und Schwellenlandmärkte gemeinsam gefallen, nachdem die Federal Reserve im Dezember ihre Zinsen erhöhte. Danach setzte sich die Erwartung durch, dass die US-Notenbank nur langsam weiter die Zügel anziehen wird. In der Folge begann die Kursrally bei Aktien der entwickelten Länder, bei Anleihepapieren an den Rentenmärkten der Schwellenländer und bei Rohstoffen wie Öl und Gold. Ändert sich demnächst an diesen Rahmenbedingungen etwas, könnte das alle Märkte gleichermaßen erfassen.

Im Moment bleiben viele Investoren bei ihrer Strategie, Geld anzulegen. Sie begründen dies damit, dass es nur wenig Anzeichen für ein erhöhtes Risiko gibt. Zwar erscheinen vielen die Preise am Markt für überhöht und die Volatilität für ihren Geschmack zu niedrig. Aber dennoch wollen nur wenige Portfoliomanager ihre Bargeldbestände deutlich erhöhen. Sie könnten ja Gewinne verpassen.

"Sind wir mit Blick auf die Fundamentaldaten skeptisch? Ja. Aber es könnte ja auch noch überschäumen, bevor es nach unten geht", so Kevin Smith, Geschäftsführer des in Denver ansässigen Hedgefonds Crescat Capital.

Angstmaß der Wall Street fällt auf Zweijahres-Tief

Es gibt ein "Angstmaß" an der Wall Street: Der CBOE Volatilitätsindex ist in den vergangenen Wochen auf das niedrigste Niveau seit zwei Jahren gefallen. Viele Beobachter werten das als ein Zeichen dafür, dass Investoren zu sorglos und daher von einer unerwarteten Marktbewegung überrumpelt werden könnten.

Am letzten Freitag stand der Index bei 11,98, und damit auf einem Niveau, das nur noch halb so hoch ist wie im Januar und im Juni. Gleichzeitig ist der S&P 500 ist in diesem Jahr um 6,7% gestiegen, der Preis für Öl ist sogar um 20 Prozent geklettert und der MSCI-Emerging Marktes-Index für Aktien hat nach seinen Tiefs im Januar bis Freitag um 31 Prozent zugelegt.

Und das alles ohne wirkliche fundamentale Begründung: Das US-Wachstum hat sich erratisch gezeigt: Die Lage an den Arbeitsmärkten wird immer besser, aber das Verarbeitende Gewerbe hat zu kämpfen. Gleichzeitig sind die Ölvorräte in die Nähe von Rekordhöhen gestiegen und zeigen wenige Anzeichen dafür zu fallen, was die Ölpreise unter Druck setzt.

Ein erster Test der Märkte wird von der Federal Reserve kommen. Investoren schätzten am Montag die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im Dezember auf 51 Prozent, nachdem sie Anfang des Sommers mit rund 12 Prozent noch auf einem Tief war. Zinserwartungen haben in den letzten Jahren immer wieder zu volatilem Handel in Bankaktien, bei Versorgern und anderen Vermögenswerten geführt.

Während nur wenige Anleger glauben, dass die weltweite wirtschaftliche Expansion durch eine einzige Zinserhöhung gefährdet sein könnte, bereiten sich viele Investoren darauf vor, dass es in den nächsten eineinhalb Jahren zu weiteren Zinssteigerungen kommt. Dies könnte die Attraktivität von höher verzinsten Anlagen wie etwa dividendenstarken Titeln verringern. So handelt der Versorgungssektor, der bei Rendite suchenden Anlegern beliebt ist, aktuell mit dem 19,3fachen seiner 12-Monats-Erträge, verglichen mit dem 18,4fachen des S&P 500.

Wachstumssensitive Sektoren bei ansteigenden Zinsen bevorzugt

"Wenn die amerikanische Geldpolitik anzieht, wollen wir in wachstumssensitiven Sektoren investiert sein", sagt Atul Lele, der 5,5 Milliarden Dollar bei Deltec International Group verwaltet. Abstand wolle man dann halten von denjenigen Titeln, "die auf billige und großzügige Dollarliquidität gesetzt haben, um die Preise hoch zu halten."

Lele hält daher Abstand von hochrentierlichen Sektoren wie Versorgern und Immobilien-Investmentgesellschaften, die er als sehr teuer ansieht. REITs, also Kapitalsammelstellen für den Immobiliensektor, zum Beispiel handelten Ende Juli mit dem 23-fachen der Erträge im Vergleich zum weniger als 10-Fachen im Jahr 2000, so Green Street, ein Immobilienforschungsunternehmen. Lele kauft Aktien im Wohnungssektor, wie Toll Brothers, von denen er erwartet, dass sie vom Wachstum der Neubauverkäufe profitieren.

Er besitzt auch Aktien von Microsoft: Das Unternehmen hat er gekauft, weil es seine Dividenden erhöht, aber nicht empfindlich gegenüber schwankenden Zinssätzen ist. Er hat auch Time Warner im Portfolio, von dem er glaubt, dass es im Konsumgütersektor unterbewertet ist.

Kurs-Gewinn-Verhältnis spricht für Vorsicht bei Aktien

Andere konzentrieren sich auf das Ergebnis. Die Summe der Erträge der Unternehmen im S&P 500 sind in den letzten vier aufeinanderfolgenden Quartalen geschrumpft und der Umsatz ist seit sechs Monaten rückläufig. Leo Grohowski, Chef-Investor bei BNY Mellon Wealth Managment, hat seine Aktienpositionen reduziert, da er bei steigenden Aktienkursen und stagnierenden Erträgen zur Vorsicht neigt.

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis des S&P 500 liegt bei 18,4 verglichen mit seinem 10-Jahresdurchschnitt von 16. Grohowski sagt, dass er seine Aktienexposition vermutlich weiter verringern wird, wenn die Kurse ohne einen korrespondierenden Anstieg der Erträge weiter steigen. "Es ist keine gute Zeit, um in Aktien übergewichtet zu sein", so Grohowski.

Wachstum der Schwellenländer unterdurchschnittlich

Einige Investoren hoffen, dass die jüngste Erholung der Ölpreise den Unternehmensgewinnen hilft. Zwar dürften die Gewinne für die Unternehmen des S&P 500 auch im dritten Quartal wieder sinken, im vierten Quartal könnte es aber wieder bergauf gehen: Der Finanzdienstleister FactSet rechnet nach den ihm vorliegenden Prognosen mit einem Anstieg der Gewinne um 5,5 Prozent im vierten Quartal, da die Energiepreise wieder zulegen.

Ein weiteres Problem liegt in den Schwellenländern. Während Anleger spezialisierte Fonds für diesen Bereich gekauft haben, ist das Wachstum in den Entwicklungsländern weiterhin schwach und bleibt hinter dem Durchschnitt der letzten Jahrzehnte zurück. Der internationale Währungsfonds erwartet, dass das Wachstum der Entwicklungsländer in diesem Jahr bei 4.1 Prozent liegt, verglichen mit einer durchschnittlichen Rate von 5,4 Prozent seit 2010. Der Internationale Währungsfonds IWF hat aus diesem Grund am Donnerstag darauf gedrängt, Handel und Investitionen anzukurbeln.

Smith von Crescat wettet gegen die chinesische Währung und die Aktien des Landes. Außerdem ist er negativ gestimmt gegenüber brasilianischen Aktien und dem australischen Dollar. Er sagt, dass sie alle wahrscheinlich unter Druck geraten, wenn die Fed die Zinsen erhöht.

Eine weitere Sorge ist der Gedanke, dass einige Käufer von Aktien und anderen Anlegen sogenannte Trendfolger sind, die verkaufen, sobald die Stimmung nachlässt. Derzeit sorgt der Trend noch dafür, dass sie einsteigen: Viele Anleger kaufen, weil sie angesichts eines steigenden Marktes Geld mitnehmen wollen und nicht, "weil sie bullisch sind", so Francesco Filia, Chef-Investor bei Fasanara Capital. Filia, dessen Londoner Hedge Fonds rund 300 Millionen Dollar verwaltet, hat seine Aktienpositionen verkauft und hält nun 50 Prozent seines Vermögens in bar.

"Es wird sehr wenig brauchen, um die Geschichte zu ändern. Und wenn es losgeht, dann wird es für Rohstoffe und Schwellenländer eine Menge Schwierigkeiten geben", so Filia.

Kontakt zum Autor: märkte.de@dowjones.com

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September 06, 2016 07:07 ET (11:07 GMT)

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