Anleihen: wenig Licht und viel Schatten

Zwar dürften die Anleiherenditen 2022 zulegen – von einer Normalisierung am Rentenmarkt kann jedoch keine Rede sein. Vielmehr bleiben die Herausforderungen für Anleger vielfältig. Beim Euro/US-Dollar-Kurs könnte sich eine Trendwende abzeichnen.

Die wichtigsten Fakten:

  • Negative Realrenditen erwartet – auch bei vielen Unternehmensanleihen
  • Hochzins- und Schwellenländeranleihen mit interessanteren Ertragsaussichten
  • Anleihen gehören eher aus Diversifikations- als aus Renditeaspekten ins Portfolio
Anleihen: wenig Licht und viel Schatten

Das Anleihejahr 2021 dürfte vielen Anlegern wenig Freude bereitet haben: Hohe Schwankungen und in den meisten Marktsegmenten negative Gesamtrenditen trübten die Stimmung. Die Aussichten für das neue Jahr sind kaum besser. Im Zuge steigender Zinsen könnten bonitätsstarke Staatsanleihen unter Druck bleiben. Risikoreichere Papiere bieten nur selektiv interessantere Perspektiven. Aus Renditegesichtspunkten dürften Anleihen daher auch 2022 kaum stärker in den Anlegerfokus rücken.


Auch Staatsanleihen nicht mehr ohne Risiko

Im Zuge einer erwarteten anhaltenden Erholung der Weltwirtschaft, hoher Inflationsraten und einer weniger expansiven Geldpolitik der Notenbanken, allen voran in den USA, rechnet die Deutsche Bank in den kommenden Monaten mit steigenden Renditen am Markt für Staatsanleihen guter Bonität. Durch die von der US-Notenbank Fed bereits beschlossene Drosselung ihrer Anleiheankäufe und die von Marktteilnehmern aktuell erwarteten bis zu drei Leitzinsschritte der Fed könnten die Renditen 10-jähriger US-Papiere zeitweilig die 2-Prozent-Marke überschreiten – bevor sie sich zum Jahresende aufgrund schwächerer Aussichten für das Wirtschaftswachstum im Jahr 2023 auf eben diesem Niveau einpendeln sollten.

In der Eurozone ist mit einer Erhöhung der Leitzinsen in den kommenden zwölf Monaten zwar nicht zu rechnen. Allerdings wird auch die Europäische Zentralbank mit dem Auslaufen des Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) im März 2022 ihr Kaufvolumen insgesamt reduzieren. Nachdem die Rendite für deutsche Staatspapiere mit 30-jähriger Laufzeit zuletzt erstmals seit Jahren wieder ins Positive gedreht ist, könnten auch 10-jährige Bundesanleihen Ende 2022 mit 0,2 Prozent positiv verzinst werden.

In diesem Umfeld tendenziell steigender Kapitalmarktzinsen drohen Anlegern dies- und jenseits des Atlantiks mit Staatsanleihen Kursverluste. Zudem dürfte die erhöhte Inflation dazu führen, dass trotz des Renditeanstiegs die realen Zinserträge von Bundesanleihen und Treasuries 2022 weiterhin negativ ausfallen.

0,2 %: Erwartete Rendite 10-jähriger Bundesanleihen zum Jahresende 2022

Anleihen: Druck auf kleinere Notenbanken


Zunehmende Schwankungen bei Unternehmens-
anleihen

Eine gute wirtschaftliche Entwicklung und sich weiter verbessernde Finanzkennzahlen der Unternehmen sollten den Markt für Unternehmensanleihen guter Bonität (Investment-Grade-Rating, IG) zwar weltweit stützen – zumal sich die Renditeaufschläge von IG-Papieren zu Staatsanleihen aufgrund eines sinkenden Angebots an Unternehmensanleihen 2022 weiter moderat verringern könnten. Insgesamt erscheinen IG-Unternehmensanleihen aus Renditegesichtspunkten jedoch kaum interessanter als Staatsanleihen. Nicht zuletzt auch, weil IG-Anleihen besonders empfindlich auf Zinsänderungen reagieren, wodurch mit stärkeren Schwankungen zu rechnen ist.

Höhere Renditen als im IG-Bereich könnten Anleger im Segment der Hochzinsanleihen (High Yields, HY) finden. Auch hier sollten verbesserte Fundamentaldaten die Aussichten stützen. Die meisten Unternehmen scheinen gut finanziert und mit Rücklagen ausgestattet. Das sollte aus Sicht der Deutschen Bank dazu führen, dass die Ausfallraten weiter zurückgehen und sich der Trend von mehr Herauf- als Herabstufungen beim Rating im neuen Jahr fortsetzen dürften. Die Aussicht auf vergleichsweise hohe Renditen wird jedoch dadurch geschmälert, dass auch im HY-Bereich eine erhöhte Volatilität zu erwarten ist. Unter anderem dürfte ein anhaltender Inflationsdruck zu Verunsicherung unter Anlegern führen.

Anleihen: Schwellenländer

IG-Unternehmensanleihen erscheinen aus Renditegesichtspunkten kaum interessanter als Staatsanleihen.


Schwellenländer: selektives Investieren ratsam

Ein Blick in die Schwellenländer könnte für entsprechend risikobereite Anleiheanleger im neuen Jahr durchaus interessant sein: Ihre volkswirtschaftlichen Fundamentaldaten haben sich in den vergangenen Jahren meist gut entwickelt und ihre Staatsanleihen bieten eine vergleichsweise hohe Verzinsung. Kurzfristig dürften die Aussichten durch die hohen Inflationsraten jedoch getrübt bleiben. Das gilt natürlich auch für Unternehmensanleihen aus den Schwellenländern. Deren Renditeaufschläge könnten sich 2022 aufgrund sich weiter verbessernder Fundamentaldaten verringern. Zudem scheint ein möglicher Leitzinsanstieg in den USA bereits eingepreist. Die Aussichten für Hochzinsanleihen dieses Segments sind unterschiedlich: Ein Risiko bleiben unter anderem die Unsicherheiten über die weitere wirtschaftliche Entwicklung Chinas. Auch sollten Anleger bei einem Investment in den Schwellenländern stets die länderspezifischen Herausforderungen im Auge behalten und sehr selektiv vorgehen.


Euro mit Aufholpotenzial

Im Verhältnis der beiden bedeutendsten Währungen weltweit profitierte der US-Dollar zuletzt vor allem von dem gegenüber der EZB flexibleren geldpolitischen Kurs der Fed. Die Aussicht auf steigende Leitzinsen in den Vereinigten Staaten hat den US-Dollar zum Euro seit Jahresmitte 2021 deutlich aufwerten lassen. Im Jahresverlauf 2022 dürften jedoch die längerfristigen Wachstumsunterschiede zwischen den beiden Wirtschaftsregionen wieder stärker in den Fokus der Marktteilnehmer rücken. Diesbezüglich haben die USA aufgrund der frühzeitig erfolgten fiskalischen Stimuli zwar noch einen Vorsprung gegenüber der Eurozone. Dies sollte sich in den kommenden Monaten jedoch umkehren, sobald die Effekte der regionalen Stimulusinitiativen in der Eurozone zum Tragen kommen. Die Wachstumslücke von 0,6 Prozentpunkten im Jahr 2021 zugunsten der USA könnte sich 2022 in eine ebenso große Differenz zum Vorteil der Eurozone wandeln. Begrenzt werden dürfte eine relative Eurostärke durch die straffere Geldpolitik in den USA und den Status des US-Dollar als sicherer Hafen in Zeiten abnehmender Risikobereitschaft. Für Ende 2022 erwartet die Deutsche Bank einen Anstieg des Euro bis auf 1,20 US-Dollar.

1,20: Erwarteter Euro/US-Dollar-Wechselkurs zum Jahresende 2022


Anleihen im Portfolio: eher Absicherung als Renditebringer

Obwohl die Renditen am Anleihemarkt im neuen Jahr weiter anziehen könnten, kann von einer „Normalisierung“ keine Rede sein. Auch dürften selbst europäische und US-Staatsanleihen mit Risiken behaftet bleiben und Unternehmenspapiere nur vergleichsweise geringe Renditeaufschläge bieten – HY-Papiere bieten hier noch die interessantesten Aussichten. Die klassische Beimischung von Rentenanlagen im Portfolio sollte daher hauptsächlich aus Gründen der Risikostreuung und weniger aus Renditegesichtspunkten erfolgen. Damit bleibt das Umfeld für Anleger am Anleihemarkt herausfordernd – womöglich noch über das Jahr 2022 hinaus.

Redaktionsschluss: 10.12.2021, 18 Uhr

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