PERSPEKTIVEN am Morgen

von Dr. Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden

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 Dr. Ulrich Stephan

28. Januar 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

die Europäische Union und Indien schließen ein Freihandelsabkommen, US-Präsident Donald Trump droht Südkorea mit Zöllen, und der MSCI Chile Index steigt 2026 bereits um rund zehn Prozent.

EU–Indien-Freihandelsabkommen: Zölle auf fast alle Waren sollen fallen

Die Europäische Union (EU) und Indien haben gestern nach zwei Jahrzehnte andauernden Gesprächen die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen abgeschlossen. Innerhalb von fünf bis zehn Jahren sollen Zölle auf mehr als 99 Prozent aller Waren, die die EU aus Indien importiert, sowie auf 96 Prozent aller Waren, die Indien aus der EU einführt, schrittweise gesenkt oder abgeschafft werden. Die Auswirkungen auf die indische Wirtschaft sind breit gefasst, immerhin machen die Exporte in die EU rund ein Fünftel aller Warenexporte des Landes aus. Dagegen ist die Bedeutung Indiens als EU-Exportmarkt mit einem Anteil von rund zwei Prozent gering, was auch die geringe Marktreaktion erklärt. Selektiv dürften aus europäischer Sicht vor allem Unternehmen aus den Bereichen Industrie, Chemie und Automotive profitieren. Allerdings sollte Indien mit prognostizierten Wachstumsraten von mehr als sechs Prozent auf absehbare Zeit die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft unter den G20 bleiben, weshalb das Potenzial für eine künftige Handelsausweitung aus EU-Sicht deutlich größer ist. Damit das Abkommen in Kraft tritt, bedarf es der Zustimmung des indischen und des europäischen Parlaments sowie des EU-Rates – ein Prozess, der im besten Fall noch in diesem Jahr zum Abschluss kommt.

Südkorea unter Druck: US-Zollandrohung trifft auf abkühlende Wirtschaft

US-Präsident Donald Trump drohte zu Wochenbeginn über die sozialen Medien an, die Zölle auf südkoreanische Importe von 15 auf 25 Prozent zu erhöhen. Betroffen sind unter anderem Autos, Holz und Medikamente. Er ließ erkennen, dass er die Zollerhöhung mit der ausstehenden gesetzlichen Umsetzung des 350-Milliarden-US-Dollar-Investitionsplans in den USA begründete. Die Ankündigung kommt in einer Phase, in der die Konjunktur Südkoreas zuletzt etwas abgekühlt ist: Die Wirtschaftsleistung ist im vierten Quartal überraschend um 0,3 Prozent gesunken. Analysten hatten ein leichtes Plus erwartet. Belastet wurde die Konjunktur durch rückläufige Investitionen sowie schwache Auto- und Maschinenexporte. Solange die handelspolitische Unsicherheit anhält, könnten insbesondere exportorientierte Industrien mit starkem US-Geschäft – darunter Autobauer, Haushaltsgerätehersteller und Stahlproduzenten – unter Druck geraten. Eine einvernehmliche Lösung erscheint jedoch realistisch: Seoul hat hochrangige Verhandlungsvertreter nach Washington entsandt und arbeitet an einem entsprechenden Sondergesetz, das dank der Mehrheitsverhältnisse gute Chancen auf zeitnahe Verabschiedung hat.

Die erste Marktreaktion an der Seouler Börse fiel dementsprechend moderat aus: Nach anfänglichen Verlusten drehte der Leitindex KOSPI im gestrigen Handelsverlauf ins Plus und schloss 2,7 Prozent fester als am Vortag.

Ein Diagramm zeigt die Wertentwicklung südkoreanischer Aktien in Euro und inklusive Dividenden.

Auch im Jahresverlauf zeigt sich ein positives Bild. Der Index legte seit Jahresbeginn in Euro um rund 19 Prozent zu und durchbrach die Marke von 5.000 Punkten. Robustes globales Wachstum – zumal der südkoreanische Aktienmarkt nur schwach an die Binnenwirtschaft gekoppelt ist – sowie Fortschritte bei Aktionärsrechten und Südkoreas Schlüsselrolle in globalen Lieferketten stützen ausländische Zuflüsse. Die großen Tech-Konzerne profitieren zudem vom Chip-Boom: Die Preise für DRAM – Arbeitsspeicher für Prozessoren – haben sich seit August 2025 durch den Ausbau von Rechenzentren mehr als verdreifacht. Entsprechend wurden die Gewinnprognosen für 2026 auf ein Plus von 53 Prozent angehoben – 15 Prozentpunkte mehr als zu Jahresbeginn. Da die jüngsten Drohungen aus Washington als Teil eines lösbaren politischen Konflikts erscheinen und die aktuelle Rally fundamental untermauert ist, halte ich eine weiterhin positive Entwicklung für möglich.

Chile: Rentenreform und Rohstoffpreise befeuern Kursrally

Der MSCI Chile Index stieg in diesem Jahr bereits um rund zehn Prozent, nachdem er 2025 um etwa 55 Prozent zugelegt hatte. Ein wesentlicher Treiber ist der Anstieg der Lithiumpreise, da ein Lithium-Bergbauunternehmen knapp 20 Prozent des Indexgewichts ausmacht. Zusätzlich stärkt die kürzlich verabschiedete chilenische Rentenreform den Kapitalmarkt: Höhere Arbeitgeberbeiträge dürften zu steigenden Kapitalzuflüssen führen, da das chilenische Rentensystem nach schwedischem Vorbild kapitalgedeckt ist. Darüber hinaus erwartet der Markt, dass die neue Regierung wachstumsfreundliche Reformen umsetzt, darunter Steuersenkungen und eine stärkere Einbindung des Privatsektors. Für 2026 rechnen Analysten mit einem soliden Wirtschaftswachstum von rund 2,2 Prozent. Dieses Wachstum wird zudem durch eine robuste Exportdynamik gestützt – etwa 40 Prozent der chilenischen Exporte entfallen auf Kupfer und raffiniertes Kupfer, das aktuell von hohen Preisen profitiert. Sollten die Reformpläne umgesetzt werden und ihre Wirkung entfalten, könnte sich das für die nächsten zwölf Monate erwartete Gewinnwachstum von knapp acht Prozent als zu zurückhaltend erweisen und für zusätzliches Kurspotenzial an der Börse von Santiago de Chile sorgen.

Welche Anlagefehler am meisten kosten – und warum sie so häufig passieren

Einige Fehlentscheidungen kommen Anlegern besonders teuer zu stehen: fehlende Strategie, falsches Risikoprofil, übertriebene Sektorfokussierung oder das Festhalten an Verlusten. Warum diese Fehler auftreten und wie Anleger diese vermeiden können, analysieren Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich in der aktuellen Folge unseres Börsenpodcasts.

Zahl des Tages: 248.000.000

Viele Städte und Gemeinden klagen über Finanzsorgen. Vor einem ganz anderen Problem stehen die 50 Einwohner von Tjörneshreppu: Der winzige Ort im Nordosten Islands erhält wegen rückläufiger Einwohnerzahlen eine Zuwendung des nationalen Kommunalen Ausgleichsfonds. Da Tjörneshreppu zuletzt die einzige Gemeinde in Island war, deren Bevölkerung ausreichend stark zurückging, wird nun der gesamte Topf an sie ausgeschüttet: 248 Millionen Isländische Kronen oder umgerechnet rund 1,7 Millionen Euro. Die Zuwendung abzulehnen hat sich als rechtlich unmöglich erwiesen – im Februar wollen sich die Gemeindemitglieder deshalb zusammensetzen und darüber beraten, was sie mit dem Geldsegen anfangen. 

Wirtschaften Sie heute klug. 

Herzlichst

Ihr Ulrich Stephan

Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden

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