PERSPEKTIVEN am Morgen

von Dr. Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden

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 Dr. Ulrich Stephan

29. April 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

die Inflationserwartungen im Euroraum ziehen deutlich an, US-Halbleiteraktien steigen dank KI-Boom und starkem Gewinnwachstum auf Rekordstände, und der Austritt der VAE aus OPEC+ schwächt den Kartelleinfluss und könnte mittelfristig das globale Ölangebot erhöhen.

EZB-Umfrage: Inflationserwartungen im Euroraum steigen deutlich

Konsumenten im Euroraum erwarten in den kommenden zwölf Monaten eine spürbar höhere Inflation – das ergab die März-Umfrage der Europäischen Zentralbank (EZB). Die erwartete Teuerung sprang auf 4,0 Prozent, nach 2,5 Prozent im Februar. Auch die Erwartungen auf drei Jahre stiegen von 2,5 auf 3,0 Prozent, während der Ausblick auf fünf Jahre nur leicht von 2,3 auf 2,4 Prozent zulegte und damit weiter über dem mittelfristigen Zielwert der EZB von 2,0 Prozent liegt. Das unterstreicht, wie stark Inflationserwartungen auf Energiepreise reagieren. Die Zentralbank prüft daher, ob höhere Energiepreise Lohnforderungen und Unternehmenspreise beeinflussen und damit Zweitrundeneffekte auslösen. Für die Sitzung morgen wird noch keine Leitzinserhöhung erwartet, an den Terminmärkten werden jedoch Schritte im Juni und September sowie eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent für eine weitere Erhöhung bis Jahresende eingepreist. Passend dazu stiegen nach Veröffentlichung der Umfrage die Renditen zweijähriger Bundesanleihen von 2,59 auf 2,64 Prozent.

Inflationsängste überlagern Jobstabilität: US-Verbraucherstimmung driftet auseinander

Die aktuellen Wirtschaftsdaten für April 2026 zeichnen ein heterogenes Bild der US-Verbraucherstimmung, geprägt durch eine Divergenz zwischen Arbeitsmarktstabilität und Inflationsängsten. Während der Consumer Confidence Index (CCI) des Conference Board leicht auf 92,8 Punkte stieg (Vormonat: 92,2), markierte der Consumer Sentiment Index der University of Michigan (UofM) mit 49,8 Punkten einen historischen Tiefstand. Diese gegensätzliche Entwicklung lässt sich methodisch begründen: Das Conference Board gewichtet die aktuelle Beschäftigungslage stark, die trotz geopolitischer Spannungen resilient bleibt, was sich in der Komponente „Aktuelle Lage“ von 123,8 widerspiegelt. Im Gegensatz dazu fokussiert der UofM-Index stärker auf die Kaufkraft und persönliche Finanzen. Hier führten der Iran-Konflikt und sprunghaft gestiegene Inflationserwartungen (4,7 Prozent auf Jahressicht) zu einem erheblichen Vertrauensverlust. Während Konsumenten ihre gegenwärtige Jobsicherheit noch positiv bewerten, trübt der „Preisschock“ an den Zapfsäulen die langfristigen Erwartungen ein. Ökonomisch betrachtet bestätigt dies die Trägheit des CCI gegenüber kurzfristigen Marktschocks, während der UofM-Index als sensibler Frühwarnindikator für preisinduzierte Konsumrückgänge fungiert. Insgesamt also keine guten Aussichten für die US-Volkswirtschaft.

US-Halbleiteraktien auf Rekordjagd

Die US-Halbleiteraktien erreichen Höchststände: Erste Ergebnisse der laufenden US-Berichtssaison stärken das Vertrauen in den ungebremst anhaltenden Boom im Bereich Künstliche Intelligenz (KI), der die Aktienrally am Laufen hält. Der Philadelphia SE Semiconductor Index hat in diesem Jahr etwa 50 Prozent zugelegt und verzeichnet seit dem 30. März eine beispiellose Serie von aufeinanderfolgenden Gewinntagen. 

Wertentwicklung von Halbleiteraktien in den USA in Euro und exklusive Dividenden von 2021 bis 2026.

Halbleiteraktien gehören zu den größten Gewinnern der Investitionsoffensive von US-Technologieriesen, die massiv ihre KI-Infrastruktur ausbauen. Analysten erwarten für Halbleiterunternehmen des S&P 500 im ersten Quartal ein Gewinnwachstum von fast 110 Prozent. Deutlich mehr als für den breiteren S&P-500-IT-Sektor, dessen Gewinnwachstum auf rund 50 Prozent geschätzt wird – ebenso ein sehr hoher Wert.

VAE verlassen OPEC+: Signal für den globalen Ölmarkt

Der gestern angekündigte Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) aus OPEC und OPEC+ markiert einen Einschnitt für den globalen Ölmarkt. Zum 1. Mai verlässt ein kostengünstiger Produzent das Ölkartell, der seine Förderkapazitäten in den vergangenen Jahren deutlich ausgeweitet hat, zusätzliche Mengen jedoch aufgrund der OPEC-Quoten nur begrenzt auf den Markt bringen konnte. Die Spannungen reichen zurück bis ins Jahr 2021, als die Emirate ein OPEC+-Abkommen zeitweise blockierten, weil sie ihre Förderquote als nicht mehr angemessen betrachteten – ein erstes sichtbares Zeichen eines Bruchs mit der von Saudi-Arabien geprägten Förderpolitik. Der nun vollzogene Austritt hat Signalwirkung. Bereits der Austritt Katars im Jahr 2019 deutete an, dass nationale energiepolitische Interessen an Bedeutung gewinnen. Der Schritt der Emirate wiegt jedoch deutlich schwerer als der Katars und schwächt den Einfluss der OPEC auf das globale Ölangebot weiter. Kurzfristig stützen die Golfkrise und Risiken für zentrale Lieferwege zwar den Ölpreis. Mittelfristig könnten jedoch die freien Kapazitäten der Emirate und geringere OPEC-Quotendisziplin das globale Ölangebot ausweiten und preisdämpfend wirken.

Notenbanken im Wartemodus

Der Nahostkonflikt und steigende Energiepreise erhöhen die Inflationsrisiken. Zugleich schwächt sich das Wachstum in Europa ab, während die US‑Wirtschaft robust bleibt. Fed, EZB und andere Notenbanken stehen vor der Frage: abwarten oder handeln? Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich ordnen die aktuelle Lage von Wirtschaft und Märkten ein.

Zahl des Tages: 6.000

Das älteste Geothermie-Kraftwerk der Welt liegt mitten in der toskanischen Ortschaft Larderello. Woher die 1904 gegründete Anlage ihre Energie bezieht, haben sich Matteo Lupi von der Universität Genf und Kollegen jetzt genauer angeschaut. Die Geologen installierten ein Netz von Breitband-Seismometern in der Region und stellten fest: Unter der Toskana liegt eine riesige Magmakammer mit einem geschätzten Volumen von 6.000 Kubikkilometern – vergleichbar mit den größten Supervulkanen der Welt. Sollte man den Urlaub also sicherheitshalber woanders verbringen? Das wäre wohl übertrieben: Das Toskana-Magma dürfte vergleichsweise zähflüssig und kühl sein. Seine Hitze genügt, um Erdwärme zu gewinnen, eine Eruption ist aber vorerst nicht zu befürchten.

Ich wünsche Ihnen einen energiegeladenen Tag.

Herzlichst

Ihr Ulrich Stephan

Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden

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