PERSPEKTIVEN am Morgen

von Dr. Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank

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 Dr. Ulrich Stephan

17. September 2021

Liebe Leser,

die für die kommenden zwölf Monate prognostizierten durchschnittlichen Gewinnzuwächse der im S&P 500 gelisteten Unternehmen sind beachtlich, Erdgas verteuert sich seit Jahresbeginn um 245 Prozent, und in China verfehlen die Einzelhandelsumsätze im August die Erwartungen deutlich.


USA: beachtliche Gewinnzuwächse erwartet

Das für Aktienkäufe genutzte Kreditvolumen in den USA lag Ende Juli 2021 bei 844 Milliarden US-Dollar und damit absolut immerhin 38 Prozent höher als zwölf Monate zuvor. Da die Marktkapitalisierung der großen US-Börsen im selben Zeitraum im Schnitt um rund 44 Prozent zunahm, ist der relative Verschuldungsgrad (engl. „Leverage“) aber sogar zurückgegangen. Robuste Fundamentaldaten können ein hohes Leverage durchaus rechtfertigen: Die für die kommenden zwölf Monate prognostizierten durchschnittlichen Gewinnzuwächse der im S&P 500 gelisteten Unternehmen von rund 17 Prozent sind beachtlich. Und auch die Finanzierungsstruktur der US-Börsenunternehmen – die mittlerweile ihre Aktienrückkaufs-Volumina auf Vor-Pandemie-Niveau gesteigert haben – ist im Schnitt robuster als vor der Krise. Die kommenden Wochen und Monate könnten am Aktienmarkt wegen potenzieller fiskal- und geldpolitischer Maßnahmen durchaus herausfordernd werden, mögliche Korrekturen aber auch Einstiegschancen bieten.


Erdgaspreis schießt in die Höhe

Beinahe täglich erklimmt der Erdgaspreis in der EU neue Hochs. 245 Prozent mehr als noch zu Jahresbeginn muss heute für den Energieträger bezahlt werden.

Instandhaltungsarbeiten an Erdgasfeldern in Norwegen – dem zweitgrößten Erdgasversorger der Europäischen Union – resultierten in dessen niedrigsten Exportkapazitäten seit Juni. Ein zunehmender Bedarf an Flüssig-Erdgas (LNG) aus Asien, wo die Preise ähnlich stark gestiegen sind, übt zusätzlichen Druck am europäischen Markt aus und unterstreicht die vorherrschende globale Schieflage von Angebot und Nachfrage. Als wäre das nicht genug, sind aktuell unwetterbedingt 52 Prozent der US-amerikanischen Erdgasförderung im Golf von Mexiko heruntergefahren. Die USA konkurrieren mit Russland um den Status des wichtigsten LNG-Lieferanten Europas. Zwar soll nach längeren Unterbrechungen aus Russland stammendes Gas wieder durch die Jamal-Europa-Leitung fließen. Mit dem Winter vor der Tür dürfte dies weitere Preissteigerungen aber lediglich verlangsamen. Daher erwarte ich insbesondere mit Blick auf die zu diesem Zeitpunkt im Fünf-Jahres-Vergleich unterdurchschnittlich gefüllten europäischen Lagerbestände von 70 Prozent – der fünfjährige Durchschnitt liegt bei 86 Prozent – kein jähes Ende der Preisrally.


Chinas Wirtschaftsdynamik verliert weiter an Schwung

In China blieben die Einzelhandelsumsätze im August mit 2,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr deutlich hinter den erwarteten sieben Prozent zurück, wobei vor allem die Automobil-Umsätze mit minus 18 Prozent enttäuschten. Das Wachstum des Dienstleistungssektors sowie der Industrieproduktion fiel sogar unter den jeweiligen Zwei-Jahres-Durchschnitt. Zu allem Überfluss sanken auch die Verkaufserlöse von Immobilien im August im Jahresvergleich landesweit um 18,7 sowie in den ersten beiden Septemberwochen in den Top-30-Städten um 22 Prozent – vor allem bedingt durch ein geringeres Kreditangebot. Der Abschwung des Immobiliensektors dürfte die Binnennachfrage sowie Investitionen und Wachstum in den kommenden Monaten belasten. Auch die öffentlichen Spekulationen über einen Zahlungsausfall des größten Immobilienentwicklers Chinas – China Evergrande Group – erhöhen die Spannungen. Regierung und Notenbank dürften zwar bereit sein, gezielt einzugreifen, um das Marktvertrauen und die Liquidität der Unternehmen zu stärken. Zurückhaltung und Vorsicht scheint mir dennoch in den kommenden Monaten bei Kapitalanlagen in China angebracht.


China erweitert Anleihe-Handelsprogramm

Die chinesische Zentralbank und die Hongkonger Währungsbehörde gaben jüngst bekannt, das Anleihe-Handelsprogramm „Bond Connect“ nun auch für chinesische institutionelle Investoren zu öffnen. Dieses seit Juli 2017 existierende Programm war bisher über Hongkong nur ausländischen Investoren für den Handel chinesischer Festlandanleihen zugänglich („Northbound“). Der zukünftig mögliche „Southbound-Handel“ – also der Handel vom Festland über das südlich gelegene Hongkong – stärkt einerseits die Position Hongkongs als internationales Finanzzentrum und als Zugang Chinas zu den internationalen Kapitalmärkten. Andererseits ermöglicht er inländischen institutionellen Anlegern, ihre Portfolien über ausländische Anleihen zu diversifizieren und ihre Renditen zu optimieren. Dahinter dürfte auch Pekings langfristiges Ziel stehen, das Wohlstandsniveau seiner Bevölkerung durch Zugang zu modernen Kapitalmarktlösungen näher an das der führenden Industrienationen zu bringen. Internationale Asset-Manager könnten davon zukünftig profitieren.


Rohstoffe auf Rekordjagd

Die Preise für Rohstoffe sind im Zuge der wirtschaftlichen Erholung nach der Coronavirus-Krise massiv gestiegen. Wie stark belastet das die Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes? Welche Folgen hat dies für die Geldanlage? Darüber diskutieren Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich in der aktuellen Folge von PERSPEKTIVEN To Go.


Zahl des Tages: 12

Ein Experiment der besonderen Art dachte sich Robin Radcliffe von der Cornell University im US-Bundesstaat New York aus: Der Tiermediziner hängte zwölf Nashörner in Namibia kopfüber an Seilen auf. Dann führte er bei seinen unfreiwilligen Probanden verschiedene Tests durch. Der ernsthafte Hintergrund: Radcliffe konnte nachweisen, dass es für die Nashörner gesünder ist, kopfüber zu hängen, wenn sie per Hubschrauber in ein neues Reservat transportiert werden. Dafür wurde er jetzt mit dem Ig-Nobelpreis für kuriose wissenschaftliche Forschungen ausgezeichnet.

Lassen Sie sich heute nicht hängen.

Herzlichst

Ihr Ulrich Stephan

Chef-Anlagestratege Privat- und Firmenkunden


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