PERSPEKTIVEN am Morgen

von Dr. Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank

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 Dr. Ulrich Stephan

9. August 2022

Liebe Leserinnen und Leser,

die Cloud eröffnet Einsparpotenziale, Aktien- und Anleihemärkte bewegen sich jüngst weitgehend in dieselbe Richtung, und Kenia wählt sowohl ein neues Parlament als auch einen neuen Präsidenten.


Strukturelles Potenzial für Cloud-Computing

Das pandemiebedingte Voranschreiten der Digitalisierung sowie das Arbeiten von zu Hause fügten der US-Wirtschaft privaten Wohnraum und IT-Ausrüstung im Wert von über einer Billion US-Dollar hinzu. Dies führt zu Einsparungspotenzialen beim Büro- sowie Ausrüstungsbedarf, womit Unternehmen ihre Effizienz erhöhen können. Unter anderem wurde diese Entwicklung durch die Cloud ermöglicht. Unternehmen können zentrale Rechenleistung mieten, um ihre IT-Systeme so aufzusetzen, dass sie permanent und standortunabhängig über das Internet erreichbar sind. Damit wird alte IT-Infrastruktur obsolet, sodass Kosten für Server, Kabel, Platz sowie IT-Personal entfallen. Des Weiteren ist die Cloud ein Eckpfeiler beim Einsatz von Künstlichen Intelligenzen (KI). Cloud-Nutzer können auf vielfältige KI-basierte Analyseprogramme zur Auswertung ihrer Daten zurückgreifen. Beispielsweise können KIs auf Grundlage von Performanceindikatoren Managementempfehlungen ableiten, während in der Medizin Genomdaten zur Vorhersage von Erkrankungsrisiken genutzt werden können. Endnutzer gaben im Jahr 2021 weltweit gut 410 Milliarden US-Dollar für Cloud-Dienste aus. Dieses und nächstes Jahr könnte der Betrag rasant weitersteigen – auf knapp 500 beziehungsweise 600 Milliarden US-Dollar. Den Aktien der Cloud-Unternehmen sollte dies anhaltenden Rückenwind verleihen.


Aktien- und Anleihemärkte verlaufen parallel

Aktien- und Anleihemärkte bewegen sich weitgehend in dieselbe Richtung, seitdem die Renditen in den USA Mitte Juni einen Höhepunkt erreicht haben. Während die Kurse zehnjähriger US-Treasuries – bei im Trend sinkenden Renditen – etwa 5,7 Prozent zulegten, verzeichnete der S&P 500 ein Plus von elf Prozent.

Ein paralleler Kursverlauf an beiden Märkten schränkt die Möglichkeiten für Anleger ein, sich gegen Verluste am Aktienmarkt durch den Kauf von als relativ sicher angesehenen Staatsanleihen abzusichern. Dies war beispielsweise vergangene Woche zu beobachten, als ein unerwartet guter US-Arbeitsmarktbericht die Sorge vor stärkeren Leitzinserhöhungen schürte und sowohl die Kurse von Anleihen als auch die von Aktien auf Talfahrt schickte. Ich rate ohnehin zu bonitätsstarken Unternehmensanleihen mit „Investment Grade“-Rating. Deren laufende Verzinsung ist in der Regel deutlich höher als die von Staatsanleihen, sodass Kursverluste bei einem Zinsanstieg besser abgefedert werden können.


China: Wachstumsmarkt intelligente Stromnetze

Im Zuge von Chinas groß angelegter Infrastrukturinitiative plant einer von zwei staatlichen Stromnetzbetreibern des Landes – die State Grid Corporation of China –, bis Jahresende zusätzliche Investitionen in Höhe von umgerechnet 44 Milliarden Euro – etwa sieben Prozent mehr als ursprünglich kalkuliert. Allein die Hälfte davon ist für acht neue Ultrahochspannungsleitungen vorgesehen, um die Anbindung der im Westen Chinas gelegenen großen Solar-, Wind- und Wasserkraftwerke mit den Großstädten im Osten zu verbessern. Weitere sechs UHV-Trassen mit einem Gesamtinvestitionsvolumen von umgerechnet 16 Milliarden Euro sind in Vorbereitung. In Chinas Wüstenregionen sollen in den kommenden Jahren neue Solar- und Windkraftkapazitäten von 450 Gigawatt geschaffen werden, um den Anteil Erneuerbarer Energien zu steigern und die Abhängigkeit Chinas von Energieimporten zu reduzieren. Neben Herstellern von Solar- und Windkraftanlagen dürften auch Chinas private Smart-Grid-Unternehmen – die über innovative Regelungs- oder Steuerungssysteme das vorhandene Niederspannungsnetz optimieren – von den Milliardeninvestitionen profitieren. Trotz eines für die kommenden zwölf Monate erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnisses von knapp 25 ist die Branche vor dem Hintergrund des strukturellen Wachstumspotenzials einen Blick wert.


Wahlen in Kenia

Kenia wählt heute sowohl ein neues Parlament als auch einen neuen Präsidenten. Dabei ist das Rennen insbesondere um die Präsidentschaft zwischen Raila Odinga und William Ruto sehr eng. Beide Kandidaten wollen die Landwirtschaft sowie die industrielle Fertigung stärken, insbesondere mit mittelgroßen und kleinen Betrieben. Ebenso wollen beide den Sozialstaat ausbauen, auch auf Kosten höherer Haushaltsdefizite. Allerdings strebt Odinga eine Restrukturierung der kenianischen Schulden an, während Ruto große Infrastrukturprojekte kürzen möchte. Trotzdem wollen beide Kandidaten das Programm des Internationalen Währungsfonds unterstützen, obwohl eine Defizitverbesserung bei den Programmen schwerlich zu erreichen scheint. Stattdessen sollten die Schulden im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt auf 75 Prozent steigen. Bei einer Ausweitung des Leistungsbilanzdefizits auf 6,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bilden die Währungsreserven von 8,8 Milliarden US-Dollar nur einen kleinen Puffer. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass der Kenia-Schilling in den vergangenen zwölf Monaten um zehn Prozent gegenüber dem US-Dollar abgewertet hat. Problematisch an der Währungsabwertung ist, dass die Auslandsschulden in Kenia-Schilling gerechnet steigen. Schließlich haben beide Kandidaten einen weniger freundlichen Umgang mit chinesischen Investoren in Kenia angekündigt. Wer auch immer gewinnen wird, erbt ein schwieriges ökonomisches Umfeld. Die Stimmungsbarometer der Wirtschaft lassen ein rückläufiges Bruttoinlandsprodukt erwarten. Mittelfristig könnte sich das Wachstum bei schwachen vier Prozent einpendeln. Kein Wunder, dass kenianische Anleihen mit zehnjähriger Laufzeit bei knapp 14 Prozent rentieren.


Schub für Infrastrukturinvestitionen

Internet, Telekommunikation, Gas, Wasser, Strom – diese und viele andere Bereiche sind auf eine gute Infrastruktur angewiesen. Hinzu kommen langfristige Themen wie etwa die Energiewende, die immense Investitionen erfordern. Wie Anleger daran teilhaben können, habe ich im Gespräch mit Finanzjournalistin Jessica Schwarzer zusammengefasst.


Was diese Woche wichtig wird

Dienstag

  • Indien | Die Börsen in Delhi und in Mumbai bleiben feiertagsbedingt geschlossen.
  • Ungarn | Verbraucherpreise im Juli. Die Inflation könnte einen deutlichen Sprung nach oben gemacht haben, was ungarischen Anleihen und dem Forint nicht wohl bekommen dürfte.

Mittwoch

  • China | Verbraucherpreise im Juli. Mit der fortschreitenden Erholung des Landes nimmt der Inflationsdruck zu. Erwartet wird eine Teuerungsrate von 2,9 Prozent – knapp unter dem Drei-Prozent-Ziel der Währungshüter. Steigt die Inflation über das Ziel hinaus, dürfte die People’s Bank of China zunehmend in Bedrängnis kommen. Die Konsequenz dürften Turbulenzen am Markt sein.
  • Thailand | Zinsentscheid der Bank of Thailand. Die Inflation liegt deutlich über dem Zielband der Währungshüter. Trotz des schwellenden Preisdrucks blieb eine Anhebung des Leitzinses bislang aus, sodass Analysten zunehmend ein Aktivwerden der Notenbank erwarten. Sollte der geldpolitische Kurswechsel dennoch auf sich warten lassen, könnte der Baht – der sich zuletzt stark entwickelte – nachgeben.
  • USA | Verbraucherpreise im Juli. Der Preisdruck könnte sich auf 8,9 Prozent verlangsamt, die Kernrate aber auf 6,1 Prozent beschleunigt haben. Dies könnte Sorgen nähren, dass die Inflation langsamer abflacht und mehr Zinsschritte erforderlich werden, als bislang von den Märkten angenommen. Die Volatilität bei Anleihen und Aktien könnte wieder zulegen.

Donnerstag

  • Japan | Die Tokioter Börse bleibt feiertagsbedingt geschlossen.
  • UK | Der RICS-Hauspreissaldo dürfte weiterhin auf mit schwächerer Dynamik steigende Immobilienpreise hindeuten.
  • USA | Der Anstieg der Produzentenpreise könnte sich im Juli abgeschwächt haben, was Sorgen um Margen mindern könnte.
  • Mexiko | Zinsentscheid der Banco de México. In Anbetracht des unerwartet starken Preisdrucks wurden die Inflationsprognosen zuletzt nach oben korrigiert. Entsprechend dürften die Währungshüter die Geldpolitik weiter straffen.

Freitag

  • UK | Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal 2022. Ein stärkerer Rückgang der Industrieproduktion im Juni dürfte zu einer leichten Schrumpfung der britischen Wirtschaft im abgelaufenen Jahresviertel beigetragen haben. Kurse von Staatsanleihen mit längeren Laufzeiten könnten profitieren.
  • Eurozone | Das Wachstum der Industrieproduktion könnte im Juni zum Erliegen gekommen sein. In Anbetracht der knappen Energie droht in den kommenden Monaten gar ein Rückgang. Die Märkte dürften Europa daher weiter kritisch beäugen.

Zahl des Tages: 100.000

Karrierechance oder PR-Gag, das ist nicht ganz klar. Man kann sich das Stellenangebot einer kanadischen Süßwarenfirma aber auch einfach auf der Zunge zergehen lassen: Der Online-Verkäufer sucht einen Chief Candy Officer, der Süßigkeiten verkosten soll – in Heimarbeit. Einige Tausend Bewerbungen sollen auf die mit 100.000 Kanadischen Dollar Jahresgehalt dotierte Stelle schon eingegangen sein. Magenschmerzen sind offenbar nicht zu befürchten: Gerüchte, nach denen der oder die CCO monatlich 3.500 verschiedene Süßigkeiten probieren muss, wurden von der Firma dementiert.

Finden Sie heute Geschmack an Ihrer Arbeit.

Herzlichst

Ihr Ulrich Stephan

Chef-Anlagestratege Privat- und Firmenkunden


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