PERSPEKTIVEN am Morgen
von Dr. Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden
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21. Oktober 2026
Liebe Leserinnen und Leser,
Künstliche Intelligenz steht vor einem grundlegenden Entwicklungsschritt, Cyberangriffe zählen laut IWF zu den größten Risiken für die Stabilität der Finanzmärkte, und der Euro erholt sich gegenüber dem US-Dollar nur leicht.
KI-Agenten könnten Produktivität auf neue Stufe heben
Eine aktuelle Studie der Strategieberatung Oliver Wyman zeigt, dass Künstliche Intelligenz vor einem grundlegenden Entwicklungsschritt steht: Während generative KI-Systeme als Werkzeuge Inhalte erstellen und Menschen bei einzelnen Aufgaben unterstützen, können KI-Agenten ganze Arbeitsprozesse eigenständig steuern. Generative KI-Systeme erhöhen damit vor allem die Arbeitsproduktivität. KI-Agenten können dagegen auch das Zusammenspiel von Arbeit und Kapital verbessern und so die Gesamtproduktivität steigern. Dafür erhalten sie Zugriff auf Daten, Anwendungen sowie Budgets und können innerhalb gesetzter Grenzen selbst entscheiden. Mit dem wirtschaftlichen Potenzial wachsen zugleich die Risiken: Je mehr Aufgaben Maschinen übernehmen, desto wichtiger werden klare Regeln für Befugnisse, Kontrolle und Haftung. Unternehmen müssen festlegen, welche Entscheidungen sie an KI delegieren und wo menschliche Verantwortung erhalten bleibt. Da KI mit hoher Geschwindigkeit agiert, muss ein Teil ihrer Überwachung automatisiert erfolgen. Die Lösung ist ein klares Kontrollsystem: Menschen definieren Handlungsspielräume, Risikolimits und Eskalationsregeln, sie prüfen kritische Entscheidungen und können die Befugnisse eines KI-Agenten jederzeit stoppen oder entziehen.
Cyberangriffe werden zum wachsenden Risiko für Finanzmärkte
Der Internationale Währungsfonds zählt Cyberangriffe inzwischen zu den größten Risiken für die Stabilität der Finanzmärkte. Mit der zunehmenden Digitalisierung sind Banken, Börsen und Zahlungssysteme stärker denn je von Cloud-Anbietern und Softwareplattformen abhängig. Gleichzeitig verkürzt sich die Zeit zwischen der Entdeckung und Ausnutzung von Sicherheitslücken deutlich. Der IWF warnt, dass Angriffe auf kritische Finanzinfrastruktur die Funktionsfähigkeit von Zahlungssystemen, Handel und Kreditvergabe beeinträchtigen und das Vertrauen der Marktteilnehmer erschüttern könnten. Steigende Ausgaben für digitale Resilienz könnten Cybersecurity-Anbietern auch unabhängig vom Konjunkturzyklus eine relativ stabile Nachfrage verschaffen, weshalb Cybersicherheit nicht nur als Branchenthema, sondern auch als langfristiger struktureller Trend innerhalb einer breiteren Technologieallokation betrachtet werden sollte.
Euro erholt sich nur leicht: Strukturelle Risiken rücken in den Fokus
Der Euro hat sich gegenüber dem US-Dollar zwar von seinem in der vergangenen Woche erreichten 17-Monats-Tief leicht erholt, liegt aber mit 1,12 US-Dollar je Euro weiterhin rund vier Prozent unter den August-Höchstständen von 1,17 US-Dollar je Euro. Der Euro geriet zunächst unter Druck, weil die Märkte damit rechneten, dass die US-Notenbank ihre Geldpolitik länger straff halten könnte als zuvor erwartet. Zudem wird der US-Dollar durch die hohen Preise für Energierohstoffe gestützt, da die USA Nettoexporteur von Erdöl und Erdgas sind. Zuletzt sorgten die Fiskalrisiken in einigen Ländern der Eurozone für zusätzlichen Gegenwind. Mittlerweile deutet der Optionsmarkt auf längerfristige Sorgen hinsichtlich des Euro hin. Optionsstrukturen, die es Anlegern ermöglichen, von einer weiteren Abschwächung des Euro zu profitieren, zeigen, dass der unmittelbare Abwertungsdruck zwar nachgelassen hat, Absicherungen gegen eine längerfristige Euro-Schwäche aber nunmehr vergleichsweise teuer sind. Dies spricht dafür, dass die Marktteilnehmer nicht nur kurzfristige Positionierungsrisiken, sondern zunehmend auch strukturelle beziehungsweise eurospezifische Risiken im Blick haben.
TOPIX-Umbau vor der zweiten Runde: knapp 700 Titel vor dem Aus
Beim TOPIX beginnt am 30. Oktober 2026 die zweite Stufe des Indexumbaus. Knapp 700 der gut 1.600 Indexmitglieder erfüllen die strengeren Anforderungen an Liquidität und Streubesitz-Marktkapitalisierung nicht. Sie werden daher bis Juli 2028 schrittweise niedriger gewichtet und aus dem Index entfernt. Ab Oktober 2028 erfolgen die Ausschlüsse jährlich statt schrittweise. Da die betroffenen Titel nur ein bis zwei Prozent der Marktkapitalisierung des Index ausmachen, dürfte der Gesamtindex wenig von den negativen Auswirkungen auf die ausscheidenden Titel betroffen sein. Für den Gesamtmarkt dürfte die Gewinnentwicklung entscheidender sein: Im vergangenen Monat hob die Analystengemeinschaft die Gewinnerwartungen der TOPIX-Unternehmen für 2027 und 2028 an und rechnet in den kommenden Jahren mit einem jährlichen Gewinnwachstum von über zehn Prozent.
Steigende Anleiherenditen erhöhen zwar den Bewertungs- und Finanzierungsdruck, doch nachhaltiges Gewinnwachstum und solide Bilanzen könnten dies ausgleichen.
Weltindex mit Schlagseite: Wie gefährlich sind hohe Gewichtungen?
Weltweit investieren und automatisch breit diversifiziert sein? Ganz so einfach ist es nicht. In großen Aktienindizes wie dem MSCI World oder dem S&P 500 sorgen hochkapitalisierte US-Unternehmen für starke Länder-, Branchen- und Einzelwertgewichtungen. Gleichgewichtete Indizes und Varianten wie „World ex USA“ bieten Alternativen, sind aber nicht automatisch die bessere Wahl. Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich diskutieren in der aktuellen Folge unseres Börsenpodcasts die Vor- und Nachteile verschiedener Indexkonzepte und erklären, worauf Anleger bei der Auswahl achten sollten.
Zahl des Tages: 24
Bis vor rund 66 Millionen Jahren beherrschte Mosasaurus die Ozeane. Der Meeressaurier erreichte eine geschätzte Körperlänge von bis zu 17 Metern und war dennoch ein sehr agiler Jäger, wie ein Team um Kiersten Formoso von der Rutgers University in New Jersey berechnet hat. Die Forscher kombinierten erhaltene Skelette einer Mosasaurus-Gattung mit Bewegungsdaten eines entfernten Verwandten, des Komodowarans. Sie kalkulierten, dass der Saurier mit einem einzigen Schlag seiner Schwanzflosse von null auf 24 Stundenkilometer beschleunigen konnte. Dies spricht dafür, dass er aus dem Hinterhalt gejagt hat, um seine Beute – darunter auch Haie, Plesiosaurier und Riesenschildkröten – mit einem schnellen Angriff zu überraschen.
Ich wünsche Ihnen einen agilen Tag.
Herzlichst
Ihr Ulrich Stephan
Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden
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