PERSPEKTIVEN am Morgen

von Dr. Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden

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 Dr. Ulrich Stephan

23. Juli 2024

Liebe Leserinnen und Leser,

die meisten US-Konzerne melden positive Gewinnüberraschungen, die Trendwende an Chinas Wohnungsmarkt wird wohl vorerst ausbleiben und Edelmetallhändler entdecken ein lohnendes Schlupfloch.

Hoher Energiebedarf von Rechenzentren   

Um den wachsenden Bedarf nach digitalen Anwendungen zu decken, könnte sich die Kapazität von Rechenzentren in Europa bis zum Jahr 2035 versechsfachen. Bereits bis 2030 könnte ihr Energiebedarf damit auf etwa 200 Terawattstunden (TWh) anwachsen, bis 2035 auf etwa 300 TWh. Das wären schätzungsweise sechs und acht Prozent des gesamten europäischen Energieverbrauchs. Zum Vergleich: Der deutschlandweite Stromverbrauch lag im letzten Jahr bei gut 500 TWh. Dieser zusätzliche Nachfrageschub für elektrische Energie verlangt Investitionen in Höhe von etwa 115 Milliarden Euro, die angesichts der aktuellen Tendenz zum Ausbau der Erneuerbaren zu großen Teilen in Wind- und Solarkraft fließen dürften. Der eher defensive Versorgersektor des STOXX 600 hat zuletzt in einem Marktumfeld, in dem die Investorenpräferenzen auf dynamischen Wachstumstiteln lagen, nicht gut abgeschnitten. Obgleich die Gewinne aus den zusätzlichen Investitionsprojekten dem Sektor mittelfristig etwas Rückenwind verleihen könnten, erwarte ich auf absehbare Zeit weiterhin keine Outperformance des Sektors.

Glatter Start in die US-Berichtssaison 

Die Berichtssaison in den USA hat angefangen, und 70 der 500 Unternehmen des S&P 500 haben bereits Zahlen für das zweite Quartal vorgelegt. Volle 83 Prozent konnten die Gewinnerwartungen der Analysten übertreffen, und zwar im Schnitt um fünf Prozent. Wurde Anfang des Monats noch ein Gewinnwachstum von 10,6 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal erwartet, sind es nach den ersten Berichten nun 11,1 Prozent. Die Finanzdienstleister stechen unter den Sektoren besonders hervor. Statt 8,8 Prozent wie zum Monatsbeginn prognostiziert beträgt der Gewinnzuwachs hier aktuell 17 Prozent. Der höchste Gewinnanstieg wird jedoch von den Kommunikationsdienstleistern mit nahezu 22 Prozent erwartet. Diese haben die letzte Börsenwoche mit einer Kursentwicklung von minus 3,4 Prozent als schlechtester Sektor abgeschlossen, dürften aber bei überzeugenden Quartalszahlen ihre Gewinne aus den letzten Monaten weiter ausbauen

Peking senkt die Kreditzinsen

Chinas staatliche Geschäftsbanken senkten gestern unter anderem den Fünf-Jahres-Kreditleitzins von 3,95 auf 3,85 Prozent. Je nach Region wird bei Immobilienfinanzierungen auf diesen Zins ein mehr oder weniger großer Abschlag gewährt. Der landesweite durchschnittliche Zinssatz zur Finanzierung des Kaufs einer Erstwohnung könnte auf 3,1 Prozent fallen, der für den Erwerb von Zweitwohnungen auf 3,6 Prozent. Auch bestehende Kredite dürften günstiger werden, allerdings zeitlich verzögert nach Auslauf der üblicherweise einjährigen Zinsbindung. Die absolute finanzielle Entlastung sollte für die meisten Haushalte überschaubar bleiben. Der gestrige Schritt geht zwar in die richtige Richtung, in der Vergangenheit haben niedrigere Finanzierungskosten jedoch nicht zwangsläufig zu einer Belebung der Immobilienverkäufe geführt. Wichtiger sind das Vertrauen in eine bessere Beschäftigung und höhere Einkommen sowie die Erwartungen an steigende Immobilienpreise. Die Zinssenkung allein wird daher nicht ausreichen, um eine Trendwende bei den Immobilienverkäufen herbeizuführen. Weitere geld- und fiskalpolitische Stimuli dürften zwar folgen, deren mögliche Wirkung sollte jedoch Zeit in Anspruch nehmen. Aktien chinesischer Immobilienentwickler halte ich auch deshalb weiterhin für spekulativ.

Regulierungslücke treibt Platinpreis 

Von Mitte Juni an legte der Platinpreis zwischenzeitlich um rund zehn Prozent zu. Einer der Gründe dürfte die kurzzeitig sehr starke Nachfrage aus Indien gewesen sein. Innerhalb von vier Wochen importierte das Land 13 Tonnen Platin und somit spürbar mehr als die 9,97 Tonnen im Gesamtjahr 2023. Dies lag daran, dass einige Marktakteure eine Regulierungslücke ausfindig gemacht hatten: Legierungen mit einem Goldgehalt von rund 90 Prozent und nur zwei Prozent Platin-Beimischung konnten als Platinlegierung deklariert werden, was einen Importzoll in Höhe von fünf Prozent anstelle der für Gold angesetzten 15 Prozent zur Folge hatte. Da Indien der nach China weltgrößte Nachfragemarkt nach Gold ist, nutzten viele Händler dieses Schlupfloch, was dazu führte, dass neben großen Mengen Gold für die Schmuckherstellung auch ungewöhnlich viel Platin eingeführt wurde. Der preisstützende Effekt dürfte nun aber auslaufen, da die Regulierung überarbeitet werden soll. Die Platinpreise litten Ende vergangener Woche wie die der meisten anderen Metalle auch daran, dass aus Finanzmarktsicht die Hoffnungen enttäuscht wurden, das „Dritte Plenum“ der KP Chinas könnte Stimuli für die chinesische Wirtschaft beschließen.

    Healthcare: Wachstum mit Zukunft

    Die Weltbevölkerung wächst und die Menschen werden immer älter. Damit wächst der Bedarf an medizinischen Leistungen – die unter anderem dank Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz immer besser werden. Wie Anlegerinnen und Anleger an dem Wachstumstrend teilhaben können, erfahren Sie von mir im Gespräch mit Finanzjournalistin Jessica Schwarzer.

    Was diese Woche wichtig wird

    Im Laufe der Woche, Berichtssaison

    • Europa | 155 STOXX-600-Unternehmen legen Zahlen für das zweite Quartal 2024 vor, unter anderem Mercedes-Benz Group, Porsche, AIXTRON, Sanofi, Deutsche Börse, Banco Santander SA, Deutsche Bank AG, UniCredit, BNP Paribas, ASM International, LVMH, SAP SE und BASF.
    • USA | 136 Unternehmen aus dem S&P 500 melden ihre Quartalszahlen, darunter Nasdaq, Honeywell International, International Business Machines, AT&T, Tesla, Visa, Alphabet, Coca-Cola, Moody's Corp, General Electric, General Motors und United Parcel Service.
    • Asien | Unter anderem berichten aus Japan Keyence Corp, Nissan Motor Co Ltd und Mitsubishi Motors Corp, aus Indien Larsen & Toubro, Hindustan Unilever, Cipla, Tata Steel, Nestle India und ICICI Bank sowie aus Südkorea LG Chem und LG Electronics.

    Mittwoch, Kanada | Zinsentscheid der Bank of Canada. Laut Analystenkonsens dürfte die kanadische Notenbank nach einer ersten Zinssenkung Anfang Juni ihren Leitzins zunächst unverändert bei 4,75 Prozent halten. Demgegenüber preisen die Märkte eine zweite Zinssenkung um 25 Basispunkte mit knapp 90 Prozent ein – auch weil der Inflationsrückgang im Juni stärker als erwartet ausfiel. Behalten die Analysten Recht, dürften die zuletzt deutlich gesunkenen Renditen kanadischer Staatsanleihen, vor allem kürzerer Laufzeiten, wieder aufwärts tendieren und dem Kanadischen Dollar etwas Luft verschaffen.

    Donnerstag, Deutschland | ifo Geschäftsklimaindex im Juli. Nachdem das Stimmungsbarometer der deutschen Wirtschaft im Juni von 89,3 auf 88,6 Punkte zurückging, wird für die Juli-Umfrage eine leichte Gegenbewegung auf 89 Zähler erwartet. Großes Interesse dürften die Marktteilnehmer auf die Entwicklung der zuletzt pessimistischeren Erwartungskomponente legen. Eine Kehrtwende würde Hoffnungen auf eine konjunkturelle Verbesserung in der zweiten Jahreshälfte stärken, wovon unter anderem zyklische Branchen profitieren könnten.

    Freitag, USA | PCE Kernrate im Juni. Für das von der Fed bevorzugte Maß des unterliegenden Preisdrucks, die Kerninflationsrate der persönlichen Konsumausgaben, PCE, erwartet der Analystenkonsens mit 2,6 Prozent eine Stagnation der Jahresrate auf dem Niveau des Vormonats. Demgegenüber könnte der Preisauftrieb im direkten Vergleich zum Vormonat leicht auf 0,2 Prozent zugenommen haben. Sollte es Anzeichen für eine Abschwächung geben, wie dies bereits aus der Entwicklung der Konsumentenpreise im Juni hervorging, könnte sich die Fed künftig stärker auf die Unterstützung der Konjunktur fokussieren. Dies würde die erhoffte Zinswende in den USA im dritten Quartal wahrscheinlicher machen.

      Zahl des Tages: 21.000 

      Die Ureinwohner der Gunaikurnai im Südosten Australiens praktizieren ein Ritual, bei dem mit Fett bestrichene Stöcke aus dem Holz einer lokalen Baumart verbrannt werden, um Schaden abzuwenden oder zuzufügen. Ein Team um Bruno David von der australischen Monash University hat jetzt eine alte Ritualstätte in einer Höhle der Region untersucht und eine erstaunliche Entdeckung gemacht. Die Archäologen fanden Feuerplätze mit verkohlten Stöcken und Fettresten, die auf ein Alter von bis zu 12.000 Jahren datiert wurden. Damit erscheint es möglich, dass die Gunaikurnai ihre Zeremonie über 500 Generationen hinweg ausgeführt haben – es wäre das älteste praktizierte Ritual der Welt. 

      Denken Sie heute langfristig. 

      Herzlichst

      Ihr Ulrich Stephan

      Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden

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